#72 ChatGPT, Claude, OpenClaw – vom Tool-Hype zum Systemdenken


Happy Sunday Reader!

Ich schreibe dir heute wieder aus meiner kleinen Garage in Venice Beach – da, wo bei mir die KI-Magie beginnt.

Wobei: Diese Woche war weniger Magie und mehr Durchhalten.

Mein Mann ist seit gefühlt drei Wochen unterwegs.

Ich bin allein mit den Kindern.

Ich war krank.

Und ehrlich gesagt habe ich einen Großteil der Woche im Bett verbracht – mit dem Handy in der Hand und LinkedIn offen. Schlechte Kombi.

Was mich dabei wirklich genervt hat, waren nicht die Kinder. Die waren unglaublich lieb und hilfsbereit. Auch nicht meine Kopfschmerzen.

Sondern diese verdammten Headlines, die mir erst richtig Kopfschmerzen gemacht haben.

„Jetzt ChatGPT löschen.“
„Vergiss Claude Code.“
„Nur noch CoWork.“
„Nein, das ist schon wieder alt – OpenClaw ist der nächste Hot Shit.“

Ich folge diesen AI-Gurus und ich lerne viel von ihnen. Und trotzdem habe ich immer öfter das Gefühl, dass sie mich mit ihren „BREAKING NEWS“ anschreien und mir jeden Tag aufs Neue das Gefühl geben: Du bist hoffnungslos hinterher.

Kennst du das?


„Ich lösche jetzt sicher nicht ChatGPT“

Irgendwann dachte ich: Also bitte. Nein.

Ich habe jahrelang in ChatGPT investiert.
Projekte aufgebaut.
Custom GPTs gebaut.
Mein „Memory“ gepflegt – wie ein Haustier.
Mein Wissen, meine Denkweise, meine Workflows dort verankert.

Das ist nicht ein Tool.
Das ist mein Tool.
Ein Spiegel meiner Arbeit.
Und ehrlich gesagt: meines Lebens.

Warum sollte ich das jetzt alles löschen und wieder neu aufbauen in einem anderen "hot" Tool, nur weil irgendwer auf LinkedIn mir das sagt.

Das ist doch totaler Quatsch.


…und trotzdem habe ich mich überreden lassen

Und ja – jetzt kommt der Teil, der mich im Nachhinein selbst nervt.

Weil sie alle so laut waren, dachte ich: "Okay. Irgendwas muss da ja dran sein."

Also habe ich mich reingefuchst.
Eine ganze Woche lang.
Als Nicht-Techie.

Und am Ende war ich ehrlich stolz auf mich.

Ich habe verstanden, wie Agenten in Zukunft wirklich Arbeit übernehmen können.
Nicht theoretisch – sondern mit eigenen Augen.

Ich dachte: Okay. Die Arbeit war nicht umsonst.


Und dann kam … schon wieder das Nächste

Kaum hatte ich das halb verdaut, ploppte das nächste „viel einfachere“ Claude Cowork Interface auf.

Und ja:
Es war schick.
Es war intuitiv.
Es war faszinierend.

Ich habe zugesehen, wie meine Dokumente sortiert wurden. Rechnungen entstanden. Proposals geschrieben wurden.
Wie Dinge plötzlich für mich gearbeitet haben.

Während ChatGPT immer auf mich wartet, arbeiten diese neuen agentischen Tools einfach los. Mit Schedules.
Mit Entscheidungen. Ich komme nur noch ins Spiel, um Dinge freizugeben.

Ich dachte: Krass. Das ist die Zukunft.


Und dann: schon wieder das Nächste

Und genau in diesem Moment habe ich gestreikt: "Jetzt reicht’s."

Schon wieder wechseln?
Schon wieder umlernen?
Schon wieder alles in Frage stellen?

Und da war sie. Diese tiefe, innere KI-Müdigkeit.


Mir reicht’s

Ich saß da und dachte:" Ich habe echt keinen Bock mehr."

Keinen Bock, mich jede Woche in neue Tools einzuarbeiten.
Keinen Bock, meine eigenen Entscheidungen ständig zu entwerten.
Keinen Bock, mich von der Lautstärke anderer treiben zu lassen.

Also habe ich endlich wieder das gemacht, was ich eigentlich predige.

Ich habe mich hingesetzt und mir selbst an die Nase gefasst.


Es sind nicht die verdammten Tools

Ja, die Tools ändern sich ständig.
Ja, es kommen neue Modelle.
Ja, irgendwas ist immer „besser“.

Aber das ist nicht der Grund, warum mich das alles so nervt.

Was ich kapiert habe: Ich habe mir bisher für jedes Tool ein eigenes System gebaut.

Ein System nur für ChatGPT.
Eins nur für das nächste Tool.

Was ich aber brauche, ist kein System für ein Tool.

Ich brauche ein System für KI. Punkt.


Das System, das alles trägt

Was ich wirklich brauche:

– Einen Ort für all meine Templates
– Eine klare Ordnerstruktur
– Einen Platz für meinen Kontext
– Eine zentrale Version meiner Readme / Bedienungsanleitung

Diese Readme ist keine Tool-Dokumentation. Sie ist eine Bedienungsanleitung für mich.

Für jede KI, mit der ich heute arbeite – und morgen arbeiten werde.

Das heißt: Sie darf nicht irgendwo in einem Tool versteckt sein. Sie muss auffindbar, teilbar und wiederverwendbar sein.


Und genau das habe ich diese Woche gemacht

Ich habe Inventur gemacht.
Aufgeräumt.
Und aufgehört, dem nächsten Tool hinterherzurennen.

Stattdessen ist ein zentrales KI-System entstanden.

Eins, das allen Tools sagt:
​wer ich bin,
wie ich arbeite,
was mir wichtig ist.

Damit jedes zukünftige „Hot-Shit-Tool“ für mich funktionieren kann – und nicht umgekehrt.

Und deshalb lebt die erste Version meines KI-Systems ganz bewusst lokal auf meinem Rechner. In einem Ordner auf meinem Desktop. Jedes KI-Tool bekommt nur dann Zugriff, wenn ich es erlaube – und mein Kontext bleibt dort, wo er hingehört: bei mir.


Mein Take-away für dich

Wenn du gerade auch KI-müde bist von all dem Geschrei da draußen:
Vielleicht liegt es nicht daran, dass du das falsche Tool nutzt.

Vielleicht fehlt dir – wie mir – einfach das System darunter.

Wie ein Rubik’s Cube: nicht weniger Farben. Nur jede an ihrem Platz.

Jetzt bist du dran

Frag dich mal ehrlich:

– Wo lässt du dich gerade zu sehr von außen treiben?
– Welche Templates, Texte oder Denkmodelle hast du dir schon erarbeitet?
– Und wo liegen die gerade – wirklich?

Vielleicht ist dein nächster Schritt nicht das nächste Tool ausprobieren.

Sondern ein Ort, an dem dein Wissen endlich zentral zuhause ist.

❤️ from Venice Beach

Simone

Future-Ready Woman

Hi, ich bin Simone Lis. Als Schwäbin in Kalifornien lebe ich im Dauer-Spagat zwischen Perfektionismus und Silicon-Valley-Wahnsinn, zwischen KI-Agenten und analoger Renaissance, zwischen Familie und Me-Time. Ich teile echte KI-Use Cases, Learnings, Fails und Aha-Momente auf meinem Weg zur Future-Ready Woman. Schritt für Schritt, ohne Abkürzungen. Mit allen Ängsten, Zweifeln und hormonellen Achterbahnfahrten, die dazugehören, wenn man als Frau in der Lebensmitte trotzdem (oder gerade deswegen) ein erfülltes, selbstbestimmtes Leben will.

Read more from Future-Ready Woman
Eine Frau und ihre pinkhaarige KI-Begleiterin casten Roboter-Assistenten auf einer Veranda in Venice Beach. Die Helfer bringen Schulbücher, ein Tablet und Recherchewerkzeuge mit. Im Sonnenuntergang leuchtet über ihnen der VENICE-Schriftzug.

Happy Saturday Reader! Letzte Woche habe ich mir ein Webinar-Recording von Allie K. Miller angeguckt: „Building Your AI Workforce (with Mark Cuban)“ (kostenlos, mit Anmeldung, aber es lohnt sich). Sie zeigte ihre KI-Armee: ein Organigramm mit 34 Agenten. Ihre Agenten heißen unter anderem Chandler, Rachel und Monica und machen aus einer einzigen Sprachnachricht elf fertige Texte. Quelle: Allie K. Miller, „Building Your AI Workforce (with Mark Cuban)“ Ich war sofort Feuer und Flamme. „Das will...

Simone sitzt von hinten im bunten Zickzack-Pullover neben ihrer pinkhaarigen KI-Freundin im türkisfarbenen Raumanzug. Gemeinsam blättern sie im warmen Abendlicht in ihrer Abizeitung von 1996.

Was das mit meinem Abi-Treffen zu tun hat Happy Saturday Reader! Ich schreibe dir heute nicht aus meiner kleinen Garage in Venice, sondern aus Gärtringen. Nach dem Oktoberfest in München ging es weiter zu meinem 30-jährigen Abiturtreffen. Zurück ins Schwabenland, wo meine Mutter und mein Bruder noch immer leben. Irgendwie auch zurück in mein altes 12-Quadratmeter-Kinderzimmer. Mein erster Gedanke: „Wow, bin ich alt geworden!“ Danach habe ich im Keller meine alte Abi-Zeitung gefunden. Beim...

mone plant ihre Mahlzeiten mit einer pinkhaarigen KI-Begleiterin auf dem Display eines futuristischen Kühlschranks. Durch das Küchenfenster sieht man den Santa Monica Pier im Sonnenuntergang.

Muss ja nicht gleich ein Marathon sein. Happy Sunday Reader! „Erstelle mir einen Trainingsplan für einen Marathon." Mit diesem Satz starteten drei Frauen in meinem Workshop diese Woche. ChatGPT lieferte sofort einen Plan. Sechs Trainingstage. Für jemanden, der nur am Wochenende Zeit hat. Na, das fängt ja gut an. 😉 Die drei hätten an dieser Stelle sagen können: „Siehst du, KI bringt mir nichts." Stattdessen erklärten sie genauer, für wen der Plan gedacht war: „Ich bin 49, absolute Anfängerin...